Milde Und Strenge Effekt Beispiel Essay

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definitionen und Begriffe

3 Urteilsheuristiken
3.1 Verfügbarkeitsheuristik
3.2 Repräsentativitätsheuristik
3.3 Verankerungsheuristik

4 Urteilstendenzen
4.1 Streuungstendenzen
4.2 Korrelationstendenzen
4.3 Persönliche Einstellung und Attributionsverzerrung
4.4 Reihenfolgeeffekte
4.5 Erwartungseffekt und “Sich selbst erfüllende Prophezeiung“

5 Entstehung von Vorurteilen und Stereotypisierung

6 Zusammenfassung

1 Einleitung

Im allgemeinen Sinne beschreibt Urteilsbildung einen Prozess, durch den man zu einem bestimmten Urteil über andere Menschen gelangt. Die Besonderheit der Urteilsbildung über die Leistungen, die im beruflichen Kontext erbracht werden, besteht darin, dass keine objektiven Messwerte und Leistungsindikatoren wie beispielsweise in der Sportbranche existieren. Die ergänzenden, subjektiv-integrierenden Einschätzungen sind daher bei beruflichen Leistungsbeurteilungen unerlässlich:

“Ein wirklich befriedigendes Instrumentarium, die Qualität von Beurteilungen quantitativ zu beschreiben, steht leider noch aus. In höherem Maße als bei den meisten heutigen eignungsdiagnostischen Verfahren steht der subjektive Eindruck des Beurteilers- zumeist der direkte Vorgesetzte- im Vordergrund der Beurteilung“ (Schuler, 2004, S.35)

Der Prozess der Leistungsbeurteilung impliziert Beobachtung, Bewertung und Interpretation der komplexen Sachinhalte, wobei die möglichen Urteilsfehler berücksichtigt werden müssen, die aufgrund der interpersonalen Wahrnehmungsunterschiede entstehen. Die meisten Urteilsverzerrungen kann man als subjektive Wertetendenzen des Beurteilers beschreiben, die zu unangemessenen Bewertungen führen können. Ein systematischer Urteilsfehler oder unüberlegte Benutzung von Urteilsheuristiken kann dabei die Ausbildung von Vorurteilen und Stereotypen zur Folge haben.

In der vorliegenden Arbeit wird zuerst auf die zentralen Definitionen und Grundbegriffe der Urteilsbildung eingegangen. Weiterhin werden die am häufigsten auftretenden Urteilsheuristiken als die für die Urteilsverzerrung relevanten Einflussfaktoren skizziert. Anschließend wende ich mich den bekanntesten Urteilsfehlern und Urteilstendenzen zu, die den Prozess der Urteilsbildung beeinflussen können. Als nächstes gehe ich auf die möglichen Entstehungsgründe bestimmter Urteilstendenzen ein, wobei die impliziten Persönlichkeitstheorien als zentrale Einflussgröße betrachtet werden. Im Anschluss daran werden die theoretischen Ansätze zur Entstehung von Vorurteilen aufgelistet und die logischen Zusammenhänge zwischen den Urteilstendenzen und dem Prozess der Stereotypisierung betrachtet. Abschließend werden die wichtigsten Ideen und Schlussfolgerungen dieses Artikels zusammengefasst und diskutiert.

2 Definitionen und Begriffe

Berufliche Leistungsbeurteilung berücksichtigt sämtliche Leistungen, die ein Mitarbeiter während des gesamten Beurteilungszeitraums erbracht hat, sowie die sie determinierenden Faktoren und kann in folgende Bereiche eingeteilt werden: Persönlichkeitsbeurteilung richtet sich auf die Eignung des Mitarbeiters in Hinblick auf zukünftige Aufgaben und die Möglichkeiten seiner individuellen beruflichen Weiterentwicklung. Auf das Berufsfeld angewendet, hat das Beurteilungsverfahren zum Ziel, die fachliche Qualifikation und die persönlichen Merkmale des Mitarbeiters, die für die betriebliche Zielsetzung bedeutsam sind, festzustellen, um die Förderungs- oder Steuerungsmaßnahmen rechtzeitig einzusetzen. Potenzialbeurteilung wird in solchen Bereichen der Personalauswahl, wie beispielsweise Teamzusammenstellung, benutzt und wird üblicherweise in Form von Tests, Gesprächen oder im Assessment Center durchgeführt mit dem Ziel, die für den Arbeitsprozess relevanten Verhaltensmuster und Verhaltensmerkmale der Mitarbeiter zu erkennen ( Schuler, 2004)

Man unterscheidet zwischen statistischer und klinischer Urteilsbildung. Statistische Urteilsbildung liegt vor, wenn quantifizierte Daten in Form von Tests oder Fragebögen vorliegen und ihre Kombination auf einem ausformulierten Algorithmus beruht. Die festgelegten Zusammenhänge zwischen bestimmten Prädikator- und Kriteriumsvariablen werden dabei als Bestimmungsfaktoren für die Vorhersage über eine Ausprägung oder ein Ereignis angesehen. Man spricht von klinischer Urteilsbildung, wenn sowohl quantitative wie auch qualitative Daten wie projektive Tests oder Verhaltensbeobachtungen vorliegen und ihre Kombination hauptsächlich auf dem Fachwissen und der Erfahrung des Beurteilers beruht, ohne dass die Analyseregeln explizit herausgearbeitet werden.

Wie bereits erwähnt wurde, existiert es keinen Musterbeispiel für die Urteilsbildung ebenso wenig wie festgelegte Wertenormen für den Prozess der beruflichen Leistungsbeurteilung, der immer durch einen hohen Grad an Subjektivität gekennzeichnet ist:

“Es gibt nicht die eine ‘richtige‘ Wahrnehmung und schon gar nicht das einzig mögliche ‘richtige‘ Urteil. Die Aufnahmefähigkeit unserer Sinnesorgane ist begrenzt, und die Schlussfolgerungen, die wir auf Grund unserer Eindrücke ziehen, haben manchmal mehr mit uns selbst, unseren eigenen Vorlieben, Gewohnheiten, vielleicht auch Verletzungen zu tun als mit dem Menschen, der Gegenstand unseres Urteils ist“ ( Kießling- Sonntag, 2000, S. 225)

In diesem Kontext wird als Urteilsfehler nicht eine Bewertung beschrieben, die von einem “richtigen“ Wert abweicht, sondern ein Urteil bezeichnet, das im Widerspruch zu einem anerkannten normativen Urteilsmodell steht und/oder die logischen Mängel aufweist. Als Urteilsverzerrung ist folglich eine Abweichung der Häufigkeit bestimmter Urteile von dem nach einem anerkannten normativen Urteilsmodell zu erwartenden Häufigkeiten zu verstehen.

3 Urteilsheuristiken

Die Urteilsheuristiken sind die Werkzeuge, die die Informationsverarbeitung vereinfachen. Sie dienen dazu, den Prozess der Urteilsbildung schnell und effizient mit Hilfe der mentalen Faustregeln durchzuführen:

“Urteilsheuristiken stellen somit vereinfachende Entscheidungsregeln dar, die eine Urteilsbildung ermöglichen, ohne dass die verfügbaren Informationen erschöpfend und logischen Regeln folgend systematisch verarbeitet werden (müssen)“ ( Bless & Keller in Bierhoff & Frey, 2006, S.294).

Diese einfach verwendbaren Strategien haben den Vorteil, dass sie unter suboptimalen Bedingungen, wie Mangel an entscheidungsrelevanten Informationen oder Zeitdruck, angewendet werden können und geringen Verarbeitungsaufwand erfordern. Eine falsche Anwendung der Urteilsheuristiken kann jedoch zur inkorrekten und fehlerhaften Beurteilung führen:

“Many decisions are based on beliefs concerning the likelihood of uncertain events such as the outcome of an election, the guilt of a defendant, or the future value of the dollar. These beliefs are usually expressed in statements such as ‘I think that…’, ‘chances are…’, ‘it is unlikely that…’ and so forth. Occasionally, beliefs concerning uncertain events are expressed in numerical form as odds or subjective probabilities. […] In general, these heuristics are quite useful, but sometimes they lead to severe and systematic errors” (Tversky & Kahneman in Kahneman, Slovic & Tversky, 1982, S.3).

Man unterscheidet Verfügbarkeitsheuristik, Heuristik der Repräsentativität sowie der Heuristik der Verankerung.

3.1 Verfügbarkeitsheuristik

Die Verfügbarkeitsheuristik gründet darauf, wie leicht die für ein Urteil notwendigen Informationsinhalte für das Individuum verfügbar sind und wie schnell die für die Entscheidung notwendigen Informationen aus dem Gedächtnis abgerufen werden können. Diese Faustregel wird am häufigsten als Grundlage für die Einschätzung der Häufigkeit und Wahrscheinlichkeit von Ereignissen angewendet. Dabei wird angenommen, dass je leichter ein Ereignis aus dem Gedächtnis wieder abgerufen werden kann, desto höher die Wahrscheinlichkeit dieses Ereignisses eingeschätzt wird. Der Zusammenhang zwischen Darbietungshäufigkeit und Erinnerung wird nach der Verfügbarkeitsheuristik meist unbewusst in den Vordergrund gestellt. Dies kann sich beispielsweise in so einer Alltagssituation widerspiegeln, wo ein Individuum die Arbeitslosenquote in seiner Region als hoch einschätzt, weil sein Bekanntenkreis viele arbeitslose Personen einschließt. Durch Anwendung der Verfügbarkeitsheuristik werden nicht die Grundgesamtheitsgröße oder tatsächliche Häufigkeiten beeinflusst, sondern die subjektive Einschätzung der Wahrscheinlichkeit für die einzelnen Ereignisse gebildet, die als Urteilsfehler auftreten können:

“Diese Heuristik ist sinnvoll, insofern objektiv häufige Ereignisse einem leichter einfallen- sie führt jedoch zu Fehlern, insofern andere Determinanten als die objektive Häufigkeit die Sinnfälligkeit beeinflussen“ (Schwarz in Frey & Greif, 1994, S. 357)

Ein Ereignis gewinnt in der Wahrnehmung des Individuums an Sinnfälligkeit, wenn es durch Bildhaftigkeit, Vorstellbarkeit und Lebendigkeit gekennzeichnet ist. Die Kürze der Zeit, die seit dem letzten Eintreten des Ereignisses oder seit dem letzten Nachdenken darüber verstrichen ist, spielt ebenso eine wichtige Rolle.

3.2 Repräsentativitätsheuristik

Repräsentativitätsheuristik beruht auf der Verwendung der geschätzten Übereinstimmung als Grundlage für die Urteilsbildung. Generell bezeichnet Repräsentativität den geschätzten Grad der Übereinstimmung zwischen einer Stichprobe und einer Grundgesamtheit oder auch einer Wirkung und einer Ursache, wie beispielsweise Verhaltensmuster und Personenmerkmale:

“Diese Heuristik wird auch benutzt, wenn zu beurteilen ist, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Ereignis A die Folge B haben wird oder ein Ereignis B auf eine Ursache A zurückzuführen ist. Auch in diesen Fällen wird die Wahrscheinlichkeit beurteilt gemäß der Repräsentativität von A für B, d.h. die Wahrscheinlichkeit wird umso höher eingeschätzt, je mehr A und B sich ähneln- eine Logik, der gemäß z.B. großen Ereignissen große Ursachen zugeschrieben werden“ (Schwarz in Frey & Greif, 1994, S. 357).

Wenn die Repräsentativitätsheuristik als Entscheidungsregel bei der Mitarbeiterbeurteilung herangezogen wird, wird die Wahrscheinlichkeit, mit der eine Person oder ein Ereignis einer bestimmten Kategorie angehört, nach der Ähnlichkeit beurteilt, die die Person mit der Kategorie aufweist. Wenn die ausgewiesenen Merkmale für die bestimmte Kategorie als “repräsentativ“ anerkannt werden, nimmt man an, dass die Person dieser Kategorie mit höherer Wahrscheinlichkeit angehört.

3.3 Verankerungsheuristik

Bei der Verankerungsheuristik handelt es sich darum, dass die Schätzung der Häufigkeit oder Wahrscheinlichkeit des Auftretens bestimmter Ereignisse mit einem Ausgangswert oder Anker begonnen wird. Im weiteren Verlauf des Urteilsprozesses nehmen die Beurteiler nur ungenügende Korrekturen vor, so dass die einmal durch Formulierung des Problems oder durch eine andere Person vorgegebenen Ausgangswerte zu unterschiedlichen Vorhersagen führen. Bei der Wahrscheinlichkeitseinschätzung beeinflussen die irrelevanten und abstrakten Ankerwerte die vorhergesagten Werte, so dass die Einzelereignisse fehlerhaft mit mehreren zusammengesetzten Ursachen in Verbindung gebracht werden. Sobald die validen Kriterien für die Richtigkeit eines Urteils festgelegt wurden, führt die Benutzung einer Heuristik zu Urteilsverzerrungen, da ein auf der Basis einer Heuristik getroffenes Urteil von den Urteilen abweicht, die normative Modelle nahelegen.

Die Fehlurteile aufgrund der Anwendung der Verankerungsheuristik können an einem Beispiel verdeutlicht werden, wo man vor den Augen einer Gruppe von Versuchspersonen ein Glücksrad gedreht hat, das eine Zufallszahl vorgab. In einem Experiment mussten die Personen schätzen, ob der Prozentwert der in den Vereinten Nationen vertretenen afrikanischen Staaten kleiner oder größer als diese Zahl sei. Anschließend mussten sie den genauen Prozentsatz schätzen. Als Ergebnis wurde die Schätzung durch zufällig vorgegebene Anker so beeinflusst, dass hohe Zahlenvorgaben des Glückrads zu hohen und die niedrigen zu niederen Schätzwerten führten:

“Während in der Bedingung mit niedrigem Ankerwert (10) eine durchschnittliche Schätzung von 25% abgegeben wurde, lag der geschätzte Prozentanteil in der Bedingung mit hohem Anker (65) bei 45%“ (Bless & Keller in Bierhoff & Frey, 2006, S.298)

4 Urteilstendenzen

4.1 Streuungstendenzen

Als erstes betrachtet man die Gruppe der Streuungstendenzen. Bei der Fehlerart streuen die Einstufungen verschiedener Beurteiler in unterschiedlichem Maße über die Werteskala. Zu dieser Gruppe gehören der Mildeeffekt, der Strengeeffekt und die Tendenz zur Mitte oder Mittelwertstendenz (Henze & Nauck, 1985).

Unter Mittelwertstendenzen sind urteilsspezifische Lokalisierungen von Urteilswerten zu verstehen oder die Neigung von Beurteilern zu eher milden oder eher strengen Urteilen. Dabei benutzt der Beurteiler tendenziell nur wenige Urteilsabstufungen, was zur Reduktion der Streuungsbreite führt. Unter der allgemeinen Mittelwertstendenz eines Beurteilers ist dabei der durchschnittliche Mittelwert aller seiner Beurteilungen zu verstehen; die differenzielle Mittelwertstendenz tritt demgegenüber als einzelfallbezogene Abweichung von den generellen Urteilsgewohnheiten des betreffenden Beurteilers auf (vgl. Schuler, 2004). Die letzten können beispielsweise durch Sympathie oder persönliche Verpflichtung bedingt werden. In solchen Fällen, wo Beurteiler sich in den persönlichen Einstellungen zu den beurteilten Personen unterscheiden, bringen sie dementsprechend den zu Beurteilenden unterschiedliches Wohlwollen entgegen oder schätzen und mögen sie in ungleichem Maße.

Um festzustellen, ob die Mittelwertstendenzen vorliegen, muss man die Eigenheiten einer Meßwertreihe betrachten, die sich durch Lokalisations- und Dispersionsparameter beschreiben lassen. Der in statistischen Untersuchungen meistbenutzte Lokalisationsparameter, der den Schwerpunkt und zentralen Ort der meisten Daten beschreibt, ist das arithmetische Mittel [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]. Als Dispersionsparameter, der den Streubereich der Daten kennzeichnet und damit die Datenhomogenität widerspiegelt, wird normalerweise die Standardabweichung (s) gewählt. Falls ein Beurteiler seinen Urteilsschwerpunkt stets weit rechts bzw. links vom Mittelwert legt, neigt er tendenziell zu einer strengen oder milden Beurteilung. Die entsprechenden Urteilstendenzen heißen demgemäß „Tendenz zur Milde“ bzw. „Tendenz zur Strenge“. In der Abbildung 1 sind die erwähnten Urteilstendenzen graphisch dargestellt:

[...]

Lehrer/innen, die mündliche Noten in der Schule möglichst objektiv gestalten wollen, wenden viele arbeitsaufwändige Verfahren an (z.B. Wiederholung zu Beginn der Stunde) - die jedoch kein Garant für die Objektivität der mündlichen Noten darstellen. Die ICE-Methode zeigt, wie Sie ohne Stress und mit relativ wenig Zeitaufwand zu möglichst objektiven mündlichen Noten kommen.

Vorüberlegungen

Um das unten vorgestellte Konzept verstehen zu können, sind die folgenden Grundlagen von Wichtigkeit.

Mündliche Noten als Bestandteil der Leistungsmessung

I.d.R. setzt sich die Zeugnisnote einer Schüler/in zusammen aus schriftlicher Leistung (z.B. Klassenarbeiten) und mündlichen Leistungen (z.B. Beiträge in Unterrichtsgesprächen). Je nach Fach und Lehrer/in variiert die prozentuale Zusammensetzung; in Fremdsprachen erhält die mündliche Leistung oft ein höheres Gewicht, in naturwissenschaftlichen Fächern hat die schriftliche Leistung oft einen höheren Einfluss. Die Lehrer/innen sind dazu verpflichtet, den Einfluss der Leistungsbereiche (d.h. Zusammensetzung der Note) zu Beginn des Schuljahres bekanntzugeben, z.B. mündliche Note: 40%, schriftliche Note 60%. Oder: mündliche Note 30%, schriftliche Note 60%, Jahresarbeit 10%.

Nicht immer klar ist die Trennung der beiden Leistungsbereiche “mündliche” und “schriftlich”. Viele Lehrer/innen zählen Hausaufgaben zu den mündlichen Noten, obwohl es sich dabei streng genommen um schriftliche Leistungen handelt. Ebenso vergeben viele Lehrer/innen mündliche Noten auch zur Disziplinierung (“Wer sein Buch dreimal vergisst, bekommt eine mündliche 6.”) oder zur Bewertung der Mitarbeit, was nicht zulässig ist, bspw. wenn die Mitarbeit separat bewertet und ausgewiesen wird.

Mündliche Noten und Objektivität

Noten messen die Leistung und sollten daher objektiv sein - das bedeutet: die Leistung möglichst unabhängig von der Lehrerpersönlichkeit messen. Wenn eine Lehrer/in eine Schüler/in unsympathisch findet, sollte sich das nicht in der mündlichen Note niederschlagen.

Für Lehrer/innen ist es oft schwierig wenn nicht unmöglich, die mündliche Leistung von Schüler/innen frei von persönlichen Eindrücken zu vergeben (das gilt in ähnlichem Maße auch für die schriftliche Leistung). Schüler/innen können undiszipliniert, sympathisch oder faul sein, sie können gut riechen, schielen oder stottern. Manche Schüler/innen melden sich häufig, manche gar nicht. All diese Punkte haben nichts mit der tatsächlichen mündlichen Leistung zu tun, sind jedoch für die Lehrer/in schwer zur Gänze auszublenden (Stichworte: Halo-Effekt, Pygmalion-Effekt, Milde-/Strengefehler usw.).

Wie Lehrer/innen mündliche Noten machen

Deshalb verwenden Lehrer/innen unterschiedliche Verfahren, um bei der Vergabe mündlicher Noten möglichst objektiv zu bleiben, zum Beispiel:

  • Zu Beginn jeder Stunde muss eine Schüler/in den Stoff der letzten Stunde wiederholen.
  • In jeder Stunde richtet die Lehrer/in ihren Fokus auf zwei oder drei Schüler/innen und nimmt sie öfters dran.
  • usw.

So entstehen pro Halbjahr pro Schüler/in jeweils zwei bis vier mündliche Noten, die dann in die Zeugnisnote einfließen.

Viele Lehrer/innen verzichten auch auf die vorgestellten Praktiken und machen einfach von Zeit zu Zeit mündliche Noten für eine ganze Klasse. Einige Lehrer/innen machen die mündlichen Noten grundsätzlich erst kurz vor dem Zeugnis. In diese Note fließt das komplette vergangene Schulhalbjahr ein, wobei de facto meistens nur die vergangenen zwei Monate berücksichtigt werden.

Warum mündliche Noten immer subjektiv sind

Wer möglichst objektiv sein möchte, der muss fast nach jeder Unterrichtsstunde mündliche Noten für einige ausgewählte Schüler/innen machen - bei bis zu 200 Schüler/innen pro Woche ein aussichtsloses Unterfangen. Und selbst bei ausgefuchsten Notengebungsverfahren (s.o.) ist es fast unmöglich, wirklich alle persönlichen Eindrücke vollständig auszublenden, Beispiel:

Schüler Kevin: ist undiszipliniert, stinkfaul, und herzlich unsympathisch. Auf pädagogische Gespräche reagiert er uneinsichtig. Er meldet sich im Unterricht nie, alle Lehrer/innen sind von ihm genervt.
Schülerin Sophie: diszipliniert, arbeitet eifrig mit, freundlich. Sie ist stets hilfsbereit und engagiert sich bei Greenpeace. Schülersprecherin.

Die genervte Lehrer/in wird die Beiträge von Sophie als besser strukturiert, inhaltlich gehaltvoller oder sprachrichtiger wahrnehmen - auch wenn die von Kevin diesbezüglich etwas besser sind. Schon allein wenn Kevin an die Tafel schlurpt und dabei “aus Versehen, sorry” lautstark eine Blähung entweichen lässt, wird man ihm für seine Arbeit an der Tafel kaum mehr eine 1 geben können - obwohl die Blähung mit der mündlichen Leistung nicht das Geringste zu tun haben sollte.

Es ist also davon auszugehen, dass von Menschen gemachte mündliche Noten immer einen mehr oder weniger subjektiven Einschlag haben. Mündliche Noten sind nie objektiv.

Die Lösung: Mündliche Noten en masse vergeben

Das folgende Verfahren führt zu Ergebnissen, die mindestens genau so objektiv, valide und reliabel sind wie andere Verfahren. Fehler werden - abhängig von der Lehrerpersönlichkeit natürlich - in höchst möglichem Maße minimiert. In gleichem Maße wird der emotionale und kognitive Aufwand beim Notengeben minimiert.

Vorgehen

Voraussetzung ist, dass Sie Ihre Noten mit einer (einfachen) Exceltabelle oder einem Notenverwaltungsprogramm verwalten (Links zur Notenverwaltung mit Excel am Ende dieses Beitrags).

Sie können das folgende Verfahren auch mit einem handelsüblichen Lehrerkalender aus Papier ausüben, allerdings wird das Ausrechnen von Zwischen- und Endständen dann aufwändig, weil relativ viele Zahlen zu bearbeiten sind.

Sie verwalten die mündlichen Noten jeder Klasse auf einem eigenen Tabellenblatt.

Nach spätestens vier Unterrichtsstunden in einer Klasse legen Sie eine neue Spalte mit dem aktuellen Datum an und geben jeder Schüler/in eine mündliche Note - und zwar ohne lange nachzudenken. Im Notensystem 1 bis 6 vergeben Sie ausschließlich ganze und halbe Noten. Für 30 mündliche Noten investieren Sie deutlich weniger als 5 Minuten. Sie vergeben alle Noten im Hochgeschwindigkeitsverfahren.

Sie sollen nur dann innehalten und ihren Kopf einschalten, wenn Sie zum wiederholten Male größere Zweifel hegen, ob Sie Schüler/in x gerade zu gut oder zu schlecht bewerten. Wenn Ihnen wiederholt bei einer Schüler/in Zweifel an der Angemessenheit Ihrer mündlichen Note kommen, sollten Sie Ihr Augenmerk auf diese Schüler/in richten und überprüfen, ob Sie mit Ihrer Intuition richtig liegen.

Wenn Sie die Gefahr spüren, sich von den bisher gegebenen Noten beeinflussen zu lassen, dann blenden Sie die bereits ausgefüllten Spalten direkt nach dem Ausfüllen einfach aus (z.B. Rechtsklick auf den Spaltenkopf, “Ausblenden”).

Damit kommen Sie bei ca. 18 Schulwochen pro Halbjahr in einem Hauptfach auf stark 15 mündliche Noten im Halbjahr, in einem Nebenfach auf etwa 8 mündliche Noten im Halbjahr, fiktiver Screenshot einer solchen Excel-Tabelle (Ausschnitt):

Vorteile dieses Verfahrens

  1. Sie vergeben permanent mündliche Noten, mindestens alle zwei Wochen. Damit werden die Noten weitgehend unabhängig von Ihrer Tagesform oder von extremen Spitzen im Schülerverhalten.
  2. Sie befinden sich in einem andauernden Reflexionsprozess - Sie machen sich über die mündliche Note von Schüler X 20 Mal im Halbjahr kurz Gedanken - nicht nur zwei Mal (dafür aber intensiver).
  3. Sie können den Schüler/innen permanent Auskunft geben. Zu jeder Klassenarbeit können Sie ohne den geringsten Stress den aktuellen mündlichen Stand schreiben. Schüler/innen honorieren das in der Regel sehr.
  4. Wenn Sie eine/r Schüler/in in 15 Wochen 13 Mal die Note “Vier” gemacht haben, dann dürfte das ziemlich genau Ihrem tatsächlichen Eindruck entsprechen und in keinem Falle ungenauer sein als zwei irgendwann vergebenen Vieren.
  5. Sie haben keinen kognitiven und moralischen Stress. Wenn Sie im Halbjahr zwei mündliche Noten vergeben, wiegt die Last der Verantwortung schwerer; Sie müssen länger nachdenken, sich emotional mehr engagieren - ob diese beiden Noten dann “besser” oder “genauer” sind als der Durchschnitt Ihrer 20 rapide vergebenen Noten, ist fraglich.
  6. Fast der wichtigste Punkt: Wenn Sie so häufig wie beschrieben mündliche Noten vergeben, dann glauben Sie selbst daran, dass diese Noten in Ordnung sind und können bei Elternabenden usw. wesentlich besser argumentieren.

Zeitaufwand

Sie brauchen pro mündlicher Note brutto nicht mehr als 7 Sekunden. Wenn Sie 150 Schüler/innen jeweils eine mündliche Note pro Woche machen (was bei dieser Schülerzahl schon viel wäre), haben Sie pro Woche einen Aufwand von einer Viertelstunde, um sämtliche mündliche Noten zu erstellen.

Fazit

Unabdingbar ist natürlich der Wille zur Gerechtigkeit. Wenn Sie es einer Schüler/in reinwürgen wollen, dann können Sie das auch einmal kurz vor Noteneintrag tun.
Die vorgestellte Methode erinnert stark an die IGAMI-Strategie: Abiklausuren in 40% der Zeit korrigieren. Diese Strategie zum Korrigieren schriftlicher Arbeiten geht davon aus, dass beim Benoten schriftlicher Arbeiten die Intuition und die professionelle Erfahrung viel ausmacht und eventuell langem Überlegen ebenbürtig ist (zumindest in geisteswissenschaftlichen Fächern). Das trifft auch auf mündliche Noten zu. Wenn Sie im Halbjahr 15 Mal unter der Vorgabe pädagogischer Gerechtigkeit an Ihre Intuition glauben, werden Sie kaum schlechter liegen können als bei herkömmlichen Verfahren.

Links: Notenverwaltung mit Excel




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